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Die Mauertoten sind an den EU-Außengrenzen


Die Installation „Weiße Kreuze“ ergriff vor den Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls kollektiv die Flucht aus dem Regierungsviertel in Berlin. Die Mauertoten flüchteten in einem Akt der Solidarität zu ihren Brüdern und Schwestern über die Außengrenzen der Europäischen Union, genauer: zu den zukünftigen Mauertoten. 30.000 Tote forderten die EU-Außenmauern seit dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Die Kreuze an der EU-Außenmauer


Im Vordergrund der Eiserne Vorhang. Im Hintergrund lässt die Europäische Union den Erdboden für die neuste Generation der Überwachungstechnik ausheben. Am Boden hinter dem Weißen Kreuz liegt ein Kameramast, der Flüchtlinge im Rahmen von Eurosur aufspüren und der örtlichen Polizei melden wird.

Die Gedenkkreuze flüchteten vor dem Oktoberfestgedenken zu Menschen, deren Leben durch die EU-Außenmauern akut bedroht ist und erweiterten dadurch das selbstbezogene deutsche Gedenken um einen entscheidenden Gedanken: die Gegenwart. Im Slider folgen u.a. Eindrücke aus den Waldbergen von Gourougou vor Melilla.

„Die Geschichte gehört nicht nur jenen, die sie erlebt haben. Es ist unmöglich, sie von den Zumutungen der Gegenwart abzuschirmen. Diese schlichte Tatsache hat uns die wohl wichtigste und unbequemste Gedenkaktion des Jahres vor Augen geführt.“

Die Zeit

  • „Eine verabscheuungswürdige Tat!“

    Frank Henkel (CDU), Innensenator
  • „Diese sogenannte Kunstaktion ist in Wahrheit absolut geschmacklos und dumm.“

    Sprecher des Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit
  • „Ein Fall von besonders schwerem Diebstahl“

    Berliner Polizei
  • „Ich finde die Aktion absolut zu verachten! In der wahnsinnigen Aufgabe des Mauerfalls haben wir Deutsche über ein totalitäres System diskutiert, das bei uns stattgefunden hat. Das in einen Zusammenhang zu setzen, finde ich eine schlimme Aktion.“

    Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär
  • „Kunst ist keine Geschmacksfrage! Zynisch wirkt, dass die EU auch auf deutsches Betreiben den Einsatz zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer soeben reduziert hat.“

    Peter von Becker, Der Tagesspiegel
  • „Das eigentliche Problem sind nicht ein paar skrupellose Künstler, die keinen Hehl daraus machen, dass sie die offene Gesellschaft zerstören wollen. Das Problem ist, dass Politik und Medien sie in ihrem Treiben gewähren lassen.“

    Vera Lengsfeld (CDU), ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin
  • „Ein respektloser Akt gegenüber dem Gedenken der Mauertoten.“

    Monika Grütters (CDU), Kulturstaatsministerin
  • „Ich kann verstehen, dass jede Möglichkeit genutzt wird, um auf das Leid an den EU-Außengrenzen aufmerksam zu machen.“

    Jürgen Hannemann, Bruder von Axel Hannemann
  • „Unfassbar, dass mitten im Regierungsviertel eine Gedenkstätte abtransportiert wird und niemand es merkt!“

    Robert Havemann Gesellschaft
  • „Diese Aktion setzt Mut und Phantasie gegen Unmenschlichkeit und bürokratische Phantasielosigkeit. Sie verbindet das Gedenken an die Berliner Mauer mit der aktuellen Realität von verzweifelten Flüchtlingen, die sich gegen die Barrikaden und Stacheldrahtzäune werfen. [...] 'Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr, ein gültiger Pass alles.' Diese Beschreibung von Flüchtlingsschicksal ist aktueller denn je in einem Europa, das sich gegen Flüchtlinge abschottet und den Tod von Menschen auf der Flucht billigend in Kauf nimmt.“

    Erich Maria Remarque Gesellschaft
  • „Es gibt schon lange eine ausgeprägte Sehnsucht nach Wirklichkeit auf der Bühne. Hier findet ein künstlerischer Akt eine so resonanzstarke Rückkopplung in die Realität, dass man an Elfriede Jelineks Bonmot über Schlingensief denken muss, der ‚den Herrschenden die Zustände wie eine Torte ins Gesicht’ schleudere.“

    Patrick Wildermann, Der Tagesspiegel
  • „Dass der Berliner Innensenator und die Kulturstaatsministerin nicht den Unterschied zwischen Kriminalität und politischer Kunst kennen, ist nicht nur eine Lächerlichkeit, sondern zwingt einen geradezu zu sagen: Willkommen in der DDR! Wann hat es so etwas das letzte Mal gegeben, dass ein Innensenator einer Theaterdirektorin droht? Wie nennen wir solche Systeme, in denen das geschieht?“

    Mely Kiyak, Schriftstellerin

„Eine spektakuläre Aktion! Was bedeuten diese Toten? Was verlangen sie? Sie sind Mahnung, sie sind Auftrag. Während an der Spree das politische Fanal des Mauerfalls komplett entpolitisiert wird, lenkt das Zentrum für Politische Schönheit die Aufmerksamkeit auf das, was die Lehre, die Botschaft, die Verpflichtung sein könnte von 25 Jahre Mauerfall.“

Spiegel Online

  • „Die Weißen Kreuze sind gestohlen worden mit einer heldenhaften Attitüde und einer pseudohumanitären Begründung, die man für blanken Zynismus halten muss.“

    Norbert Lammert (CDU), Bundestagspräsident
  • „Seit dem Tod von Christoph Schlingensief vermisse ich immer wieder eine starke, provozierende Stimme in der Kunstlandschaft, die politisch interveniert.“

    Shermin Langhoff, Intendantin Gorki Theater

  • „Es geht um die Frage, in welchem Europa wir mit welchen Mauern und Grenzen leben wollen. In einem humanistischen oder pseudohumanitären. Ob wir gedenken oder weiter denken.“

    Der Tagesspiegel
  • „[...] der hirnrissigste Dreck, der in der jüngsten Zeit aus deutschen Theater gekommen ist [...]. Ursache für den Lärm um das künstlerische Nichts ist die notorische intellektuelle Selbstüberschätzung der Theaterleute. Ständig fühlen sie sich gedrängt, die Welt über Dinge zu belehren, die komplett außerhalb ihrer Kernkompetenz liegen.“

    DIE WELT
  • „Was die Aktion bewirkt, ist ein Beitrag zur Selbstaufklärung dieses Landes. Die Aktion behauptet nicht, dass es einfache Lösungen gäbe. Aber sie macht einen nicht gelösten Konflikt sichtbar zwischen moralischen Ansprüchen und demokratisch gewollter Realpolitik, die den massenhaften Tod von Menschen in Kauf nimmt.“

    Peter Laudenbach, tip Berlin
  • „Der Rat für die Künste bedankt sich beim [...] Gorki Theater [...], dass sie eine Kunstaktion unterstützt haben, die uns daran erinnert hat, dass Feiern und Rückschauen auf den 9. November 1989 nicht alles gewesen sein können. [...] Eine wichtige Lehre ist die Freiheit der Kunst, damit Politiker nie wieder in die Versuchung kommen zu bestimmen, was sie für opportun und zustimmungsfähig definieren, um damit ihre Politik zu illustrieren, während andere Kunstformen unterdrückt oder gar vom Staatsschutz verfolgt werden, wie gerade das Zentrum für Politische Schönheit.“

    Rat für die Künste
  • „Dieses Projekt ist aus Sicht von Freiheit von Kunst und Kultur nicht zu beanstanden. [...] Es ist ehrenwert, im Zusammenhang mit dem 9. November auf die heutige Situation von Flüchtlingen aufmerksam zu machen.”

    Klaus Wowereit, Bürgermeister Berlins
  • „Das ist nicht dasselbe. Der Mauerfall ist ein abgeschlossenes historisches Ereignis. Natürlich kann man über Grenzen und Frontex-Zäune diskutieren – aber nicht so.“

    Rainer Eckert, Zeitgeschichtliches Forum
  • "Das ist keine Kunst! Es hat nicht das Geringste damit zu tun, es ist nämlich völlig unüberlegt.“

    Bazon Brock

„Ein Glücksfall für Geschichtsdidaktiker, ein Alptraum für die Organisatoren nostalgischer Erinnerungsveranstaltungen.“

Tobias Bütow, Historiker

Aufruhr im Bundestag


Bundestagspräsident Norbert Lammert will in seiner Festtagsrede zum 25. Jahrestags des Mauerfalls eigentlich nicht das Oktoberfestgedenken stören. Aber die Kreuze sind weg. Das muss er denn doch der Kanzlerin und den Abgeordneten beichten.







"Seit wir am Montag eine Pressemitteilung über die Aktion rausgeschickt haben, regt sich ganz Deutschland auf, dass 14 natürlich große und wichtige Symbole weg sind. Gleichzeitig sterben 24 Menschen im Flüchtlingsboot vor Instanbul, was eine winzige Meldung bekommen hat. Aber wir sind auf Deutschlands Titelseiten. Das reißt die Maske vom Gesicht der deutschen Gesellschaft. Jeder weint nur um seine eigenen Toten. Sobald jemand woanders herkommt, wird nicht mehr viel darüber nachgedacht. – Wir können den alten Mauertoten nur vollumfänglich gedenken, wenn wir auch den neuen Mauertoten gedenken."

Cesy Leonard, Chefin des Planungsstabs

Der Todesstreifen von Melilla

Der Todesstreifen von Melilla bedroht das Leben dieser Menschen – siehe Armverband und Kopfwunde –, zu denen die Weißen Kreuze in die Wäldern Marokkos geflüchtet sind.

Erster Europäischer Mauerfall


Die neuen europäischen Stacheldrahtmauern sind kaum zu ertragen. Während das offizielle Gedenkkartell sich darauf einstellte, dem Fall der Mauer vor 25 Jahren zu gedenken, schritten 100 Auserwählte unerbittlich auf die EU-Außengrenze zu, um diese kurzerhand wieder abzureißen. Zwei Fernbusse brachten 100 Friedliche Revolutionäre mit Bolzenschneidern und Akku-Winkelschleifern zur „Eindämmungsanlage“ Bulgariens, um unmissverständlich eines klar zu machen: wir tolerieren den Bruch des internationalen Völkerrechts nicht.

Während das politische Berlin in einem Oktoberfest-Gedenken Ballons in die Luft steigen und nostalgisch-sedierende Reden abhalten liess, wollte die deutsche Zivilgesellschaft in einem Akt politischer Schönheit die illegalen EU-Außenmauern zu Fall bringen und ein Stück Zaun als Souvenir nach Hause bringen. Der Aktion ging eine der erfolgreichsten deutschen Crowdfunding-Kampagnen voraus: in einer Rekordzeit von nur 5 Tagen wurden 39.000 Euro für Busse und Hotelunterkünfte der 2. Friedlichen Revolution eingesammelt.

Die Außengrenzen der Europäischen Union werden am Gorki-Theater – das Theater des Jahres 2014 – verteidigt: bereits bei der Abfahrt umstellen Bundespolizei und BKA mit über 100 Mann das Theater. Begründung: „Sie rufen zu schweren Straftaten auf. Wir müssen gefahrenabwehrende Maßnahmen einleiten!“ Es wird nach Bolzenschneidern gesucht. Die Zuschauer fahren dennoch (als Auftakt des Festivals Voicing Resistance) an „die längste Bühne der Welt“, um dort nach 25 Jahren eine neue Mauer zu fällen.

„Als vor 25 Jahren die Mauer fiel, war das nicht das Ergebnis kluger strategischer Schachzüge von Politprofis, sondern der Aufbruch einer Zivilgesellschaft. Ich habe lange gedacht, dass es diesen einfachen Bürgersinn in diesem Land nicht mehr gibt. In den letzten Tagen hat das Zentrum für Politische Schönheit bewiesen, dass es möglich ist, diesen Sinn zu aktivieren. Die Geschichte ist kein ruhiger Ort. Sie muss uns aufregen und belasten. Gedenken kommt schließlich von Denken. [...] Es wurde viel von unzulässigen Vergleichen gesprochen und oft gesagt, das eine (die Geschichte) habe mit dem anderen (der Gegenwart) nichts zu tun. Ich finde, wenn das wahr wäre, wäre es eine Katastrophe. – Der Reflex in der Politik, Kunst, sobald sie die Grenzen eines traditionellen Kunstbegriffs verlässt, nicht als Kunst anzuerkennen und für irre oder gar verbrecherisch zu erklären, macht mich betroffen. [...]
Wie sagt man in Deutschland so schön unfreundlich: ,Geht mit Gott aber geht‘. Ich würde sagen: geht mit wem auch immer, damit andere kommen können, ohne ihr Leben dafür riskieren zu müssen.“

Shermin Langhoff, Intendantin Gorki Theater

How to make a EU-Mauerfall

„Der Erfolg der Aktion liegt darin, den absurden Aufwand veranschaulicht zu haben, mit dem, von den deutschen Behörden bis zur bulgarischen Polizei, die europäische Außengrenze geschützt wird, selbst vor ein paar harmlosen Kunsttouristen. [...] Am Ende waren es hässliche Gewissheiten, die die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit sichtbar gemacht hat: Die Ignoranz für die wahren Probleme. Statt über Tote streitet man sich über Berliner Lokalpolitik. Statt über die Grenzen der EU diskutiert man über jene der Kunst.“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Europaweiter Mauerschutz


Und das am 25. Jahrestag des Mauerfalls! Die Revolutionäre werden an allen Grenzen massiv in ihrer Reisefreiheit eingeschränkt, die Busse durchsucht und in Serbien, Bulgarien und Griechenland von der Polizei sogar durch das Land eskortiert. In Griechenland empfangen vier Busse Aufstandsbekämpfungstruppen die Revolutionäre und haben offenbar tagelang an der Grenze gewartet.

Zwei Bundestagsabgeordnete fragen im Deutschen Bundestag schriftlich zu den Hintergründen der vorauseilenden Repressionen gegen ein Theaterstück nach. Die Antworten offenbaren, dass das Bundesinnenministerium in sechs Ländern (inkl. Kosovo) für die Theateraktion warb und auch das BKA eingeschaltet war

Ein Land im Ausnahmezustand: der Innenminister Bulgariens knüpft sein politisches Schicksal daran, dass die illegale EU-Außengrenze nicht abgebaut wird und beordert 5.000 Polizisten (Aufstandsbekämpfungstruppen aus Sofia) zum Schutz der Mauer in das Gebiet.

Im Bus der Auftritt eines Mitarbeiters des bulgarischen Innenministeriums, der die rechtlichen Konsequenzen der Maueröffnung aufklärt: illegaler Grenzübertritt wird mit bis zu fünf Jahren oder 150 Euro Geldstrafe geahndet. Die Geldsumme löst in den Bussen Heiterkeit aus: „Gebongt. Aber wir kriegen Rabatt, oder? Immerhin sind wir 100 Leute.“

„Daher erstaunt es nicht, dass es den bulgarischen Innenminister in die Bredouille bringt, wenn ausgerechnet deutsche EU-BürgerInnen, gegen den Grenzzaun vorgehen. Die kann man nicht einfach wegsperren und hungern lassen. Die haben ja eine Lobby – und vor allem den richtigen Pass.“

taz

Presse

Europa riegelt sich ab


Das letzte Nadelöhr nach Europa, die Landgrenzen von der Türkei nach Griechenland und Bulgarien sind dicht. Mit dem Entschluss der bulgarischen Regierung zum Bau der sog. „Eindämmungsanlage“ gibt es für Menschen in Not keine nicht-lebensgefährlichen Wege mehr in die Europäische Union. Im Hintergrund die erst zwei Monate vor dem 9. November 2014 in Betrieb gegangene Stacheldrahtmauer an der bulgarisch-türkischen Grenze.