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75. Jubiläum Weiße Rose

Vor 75 Jahren (im Sommer 1942) verfassten die Mitglieder der Weißen Rose um Hans und Sophie Scholl vier der sechs Flugblätter. Sie brachten diese auf dem Territorium der Diktatur in Umlauf. Mit ihrem Mut drangen sie ins kollektive Gedächtnis ein. Wie würden die Geschwister Scholl das Schweigen der Gegenwart brechen? Wie würden sie heute versuchen, die Welt von der Tyrannei zu befreien?

Die Bayerische Staatsregierung startete einen Schülerwettbewerb „Scholl 2017 – Von der Vergangenheit lernen“. Zum 75. Jubiläum der Weißen Rose sollten die Widerstandstaten der Geschwister Scholl in die Gegenwart übersetzt werden. Die Staatsminister Joachim Herrmann und Ludwig Spaenle suchten junge Menschen, die bereit waren, in eine Diktatur ihrer Wahl zu reisen, um dort Flugblätter gegen das Regime zu verbreiten.

Einsteigen bitte

Ein Bus tourt durch den Freistaat: in der Schüler-Registratur auf Münchens teuerster Einkaufsstraße werden in aller Öffentlichkeit junge Menschen gesucht, die sich als neue Geschwister Scholl registrieren.

Dein Flugblatt

Unter dem Motto „Mach mit“ schrieben junge Menschen Flugblätter gegen Diktaturen.

Unten: Promo-Tour eines außergewöhnlichen Wettbewerbs. Die Fahndung der bayerischen Landesregierung nach den neuen Scholls läuft im Großraum München: Infostände vor der Ludwig-Maximilian-Uni, im Lichthof, auf Schulhöfen, an der Gedenkstätte der Weißen Rose, in Kaufinger- und Maximilianstraße.

Ludwig Maximilian Universität

Kaufingerstraße vor der Beschlagnahmung

Lichthof der LMU

  • „Ich finde das katastrophal. Das ist kein verantwortungsvoller Umgang mit Jugendlichen!“
    Richard Quaas, CSU
  • "Flugblätter verunsichern Diktaturen und sind heute noch notwendig. Das ist die Aktion!"

    Prof. Wolfgang Benz, Träger des Geschwister-Scholl-Preises

Projekt: Aufklärung einer Gesellschaft

Neue Schule


Was die Weiße Rose vor 75 Jahren tat, geht eine Demokratie in Zeiten wachsender autokratischer Bewegungen etwas an: Arbeitsmaterialien und Aufgaben für den Unterricht wurden zusammen mit einer Anordnung des bayerischen Bildungsministers an über 450 Gymnasien per Einschreiben versandt. Unverzüglich seien zwei Doppelschulstunden anzusetzen und die Schülerinnen und Schüler auf die Möglichkeit eines Auslandseinsatzes hinzuweisen.

Der Schuldirektor des Sophie-Scholl-Gymnasiums in München bekommt ein mulmiges Gefühl und schmeißt die Wiederaufführung der Geschwister Scholl kurzerhand vom Schulhof. Er will keine neue Sophie Scholl finden.

Ersatzunterricht

An zwei Abenden in Folge unterrichten Koryphäen wie Prof. Wolfgang Benz die Münchner Schulkinder. Sie führen ein in die Hintergründe des Widerstands. Und Experten aus aktuellen Diktaturen berichten von den Verbrechen. Kandidaten stellen sich vor. Eine Leistungsschau der allseits beschworenen wehrhaften Demokratie.

"Es ist nie zu früh, an Diktaturen Kritik zu üben, aber schnell zu spät! [...] Tyrannenmord könnte überall dort angebracht sein, wo Menschenrechte außer Kraft gesetzt sind." – Prof. Wolfgang Benz beim Ersatzunterricht für Münchner Schulkinder.

„Best of“Weiße Rose 

Für Kurzentschlossene zum Mitnehmen.

Die Flugblätter sind für diese Autokratien verfügbar:

Selber los!


Auch außerhalb des offiziellen Wettbewerbs unterstützte die bayerische Regierung junge Vorkämpferinnen und -kämpfer der Demokratie. Die Infomappe „Auf eigene Faust“ gab wichtige Informationen und spannende Tipps für junge Menschen, die auf eigene Faust ihre Reise in eine Diktatur organisieren wollten. Darunter eine Teilnahmewarnung ans Auswärtige Amt, Notfallnummern der deutschen Botschaften, hilfreiche Übersetzungen, Formblätter für die Unterrichtsbefreiung, Infos zu Auslands-Rechtsschutzversicherungen und und und.

Dogmen

Aus den Dokumenten des Bayrischen Staatsministeriums für Bildung, Kultur und Demokratie das Schriftstück BSAI 2017/13/473B: Die Dogmen der Staatsregierung.

Vorhut des neuen Widerstandes

München erlebt einen regelrechten Run auf die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung in der Diktatur. Bis zum Ende des Wettbewerbs haben sich 70 mehrheitlich Kandidatinnen registriert, die Flugblätter gegen eine autokratische Regierung verteilen wollen – auf feindlichem Territorium. Hier im Bild gibt der Kandidat für Nordkorea eine Pressekonferenz.

  • "Eine riesige und abscheuliche Ablenkung von der eigenen politischen Problematik...die schicken unsere Kinder in sogenannte "Diktaturen" um Flugblätter gegen die dortigen Regierungen zu verteilen [...] ist das etwa ein riesen gag oder was?"

    Paula P'Cay
  • "Leider keine Fake-News, sondern ein mit Steuermitteln finanzierter Skandal. Ich erwarte, dass sich die Geldgeber ihrer Verantwortung stellen, aufklären, wie es zu dieser Aussage in dem Flugblatt kommen konnte, und die notwendigen Konsequenzen ziehen."
    Ruprecht Polenz

70 Kandidatinnen und Kandidaten

Kandidat Matthias will ein Zeichen der Solidarität für die noch lebenden kritischen Journalisten in Russland setzen.

"Oppositionelle werden bestialisch hingerichtet, es gibt keinerlei Menschenrechte." – Kandidat Jonas über das Regime in Pjöngjang

Kandidatin Veronika will nach Saudi-Arabien. Die Empörung über das Unrecht bleibe von deutscher Seite völlig aus.

"Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt, dann wird auch das letzte Opfer sinnlos in den Rachen des unersättlichen Dämons geworfen sein."

Flugblatt der Weißen Rose

Stadt im Ausnahmezustand

So geht aktives Gedenken: die Polizei im Dauereinsatz, Demonstrationen für den aggressiven Humanismus, fluchende Pressevertreter, Beschlagnahmung von Infomaterialien, Aufklärungsverbote, Rausschmiss aus Schule, Workshops gegen Erdogan, Rentner, die sich mit Rollator an der Staatskanzlei festketten, Veranstaltungen zur Besiegung von Angst und Appeasement, Begeisterungsstürme der Stiftungschefin der Weißen Rose. Dem Geist des Widerstands neues Leben einhauchen.

"Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut der Patrioten und der Tyrannen begossen werden. Dies ist der Freiheit natürlicher Dünger."

Thomas Jefferson

Gedenkstätten für die Opfer der Diktatur

Letzte Zeugen

Die Letzten, die in Deutschland wegen Diktatur ihre Nächte in den Kellern verbringen mussten. Alexander Kluge schreibt über eine Frau, die 1944 im Bombenkeller auf dem Boden kauert: "Sie hätte vielleicht Mittel gehabt im Jahr 1928, wenn sie sich da noch, vor einer Entwicklung, die dann auf Papen, Schleicher und Hitler zuläuft, mit andern organisiert hätte. Also die Organisationsfrage liegt 1928 und das dazu gehörige Bewusstsein liegt 1944."

Aus Überzeugung ketten sich die letzten Zeugen an die bayerische Staatskanzlei – inklusive Rollator. Das Schweigen muss gebrochen werden.

"Der öffentliche Raum, in dem diese Aktion stattfindet, ist naturgemäß der mediale, wir leben nun mal in einem medialen Zeitalter, und der latente Selbsthass mancher Medienmenschen, der sich gegenüber dem Zentrum in Vorwürfen wie 'Eitelkeit' oder 'Manipulation' äußert, ist vor allem deshalb so problematisch, weil er eben nicht dazu führt, ein Gespräch über die bei diesen Aktionen angesprochenen Skandale zu beginnen. In diesen Zeiten des Merkeltums, also des Phlegmas, der scheinbaren Einigkeit und des gedankenleeren Konsens, haben sich viele wieder angewöhnt, diese Skandale wegzuschieben, und denen, die sich nicht damit abfinden wollen, das scheinbar schlimmste Schimpfwort dieser Tage an den Kopf zu werfen: Moral."

Spiegel Online

Polizei ermittelt: Flugblätter gegen Erdoğan am Gezi-Park

Istanbul: Die Polizei sucht einen deutschen Staatsbürger, der im Zentrum von Istanbul auf Flugblättern zum Sturz gegen Erdogan aufgerufen haben soll. Laut Turkish Press und der unabhängigen Nachrichtenagentur DHA sind in einem Hotelzimmer am Gezi Park elektronische Geräte gefunden worden, die per Fernbedienung über 1.000 Flugblätter gegen das Regime verbreiteten.

"Das bezaubernde wie banale Bild ist das eines einsamen Druckers, dessen Botschaften durch ein offenes Fenster fliegen. Wer hätte solch einen einsam ausgesetzten, aber kaum aggressiven Apparat bisher für widerständig gehalten? Das Zentrum für Politische Schönheit dokumentiert die profane Funktionsweise eines Druckauftrags – im Grunde eine ganz ungefährliche Sache, auch wenn sie international durchgeführt wird, die erst dadurch brisant wird, weil der Drucker an der 'Schnittstelle' zwischen Innen und Außen, zwischen Öffentlichkeit und privatem Raum operiert."

Samira El Ouassil

Flugblätter sind die Unterschallexplosionen totalitärer Staaten

"Wir rufen Euch auf: Seid keine willenlose Herde von Mitläufern, die zulässt, dass Nachbarn eingesperrt oder getötet werden. Verteidigt die Demokratie. Bekämpft den Rassismus. Stürzt die Diktatur!"

Auszug aus dem Gewinner-Flugblatt

Pressestimmen

ZDF aspekte über "Scholl 2017"

Tyrannenmord 2017

  • "Mir wäre fast der Gin-Tonic aus der Hand gefallen als ich - ohne jegliche Satire (oder bin ich schon total betrunken?) - 'Zentrum für Politische Schönheit' und 'CSU' in einer Kooperation erblicken musste? ist das Euer Ernst? Horst Seehofer, der Donald Deutschlands, lässt sich auf einen Ablasshandel mit euch ein? Wie darf ich das verstehen? Das 'Partner' im Post lässt mich erschaudern!"

    Roman Berger
  • "Eine der dämlichsten Aktionen, von Leuten die keinen Deut von der politischen Lage in der Türkei verstehen. Mit dieser Aktion bedient ihr genau die Kanäle der türkischen Kräfte, die für einen immer autoritäreren und nationalistischeren Weg stehen."

    Re Ne
  • "Auf den ersten Blick eine tolle Aktion. Auf den zweiten sehr kritisch zu beurteilen: Hier werden Jugendliche und junge Erwachsene dazu aufgerufen ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre Freiheit für eine Aktion mit zweifelhaftem nutzen aufs Spiel zu setzen. Protest gegen Diktatur unter Einsatz des eigenen Lebens ist aller Ehrenwert, allerdings halte ich es für bedenklich Jugendliche, die die Tragweite und Folgen einer solchen Aktion oft noch nicht ganz überblicken und abschätzen durch die Auslobung von Preisen dazu anzustiften."

    Julian Fischer
  • "Großartig. Und ich glaube, dass die Schüler das schon sehr gut einschätzen können."

    Carsten Gerloff
  • "Wie erwartet, legitimieren die verschiedensten Reaktionen in DE und Türkei eure gewagte Aktion. Und zwar zu 100%."

    Georg Hollinetz
  • "Wie wäre es mit einem Brotbackautomaten im Sudan. Der müsste dann auch nicht fern bedienbar sein. Hier ist alles nur geheuchelte 'Schönheit'."

    Mario Bauer
  • "Danke! Eine großartige Sache, gibt mir ein Stück Glauben an die Menschlichkeit zurück!"

    Martin Kraft
  • "[...] Seid ihr wenigstens - vollkommen zu Recht - festgenommen worden?"

    Nina Hallmann
  • "Ich muss gestehen, dass ich nicht jede Aktion befürworte, aber ich bin froh, dass eure Existenz in diesem Land möglich ist."

    @politicalbeauty